Schmerzen ohne körperliche Ursachen

Wer anhaltende Schmerzen hat, möchte verständlicherweise auch die Ursache kennen. Sehr unbefriedigend ist deshalb die Situation, wenn der Arzt dem Patienten mitteilen muss, dass trotz sorgfältiger Untersuchung keine körperliche Ursache gefunden werden konnte. Meist hat der Patient zu diesem Zeitpunkt schon alle Standarduntersuchungen wie Blutbild oder Röntgen hinter sich. Trotzdem wird er sich mit der Aussage in den meisten Fällen nicht zufrieden geben, sondern die Überweisung zu einem Facharzt fordern. Vielleicht ist auch der Hausarzt unsicher, etwas übersehen zu haben und überweist den Patienten vorsichtshalber zu einem Fachkollegen. Aufwendigere Untersuchungsverfahren werden auf Verlangen des Patienten gemacht, doch das Ergebnis bleibt das gleiche: Es liegen keine körperlichen Ursachen vor. Da der Patient die Schmerzen jedoch deutlich wahrnimmt und es dafür einen Auslöser geben muss, holt er noch eine Drittmeinung ein oder begibt sich sogar ins Krankenhaus. Doch niemand findet die rätselhafte Krankheit, die ihm Schmerzen bereitet.

Sie kann auch nicht gefunden werden, denn sie existiert nicht. Der oben beschriebene Patient leidet unter einer sogenannten somatoformen Störung. Geschätzte 20 bis 25 Prozent der Patienten in den Hausarztpraxen haben „funktionelle Beschwerden“ oder „vegetative Dystonie“, wie das Phänomen früher genannt wurde. Dabei sind die Menschen fest davon überzeugt, an einer Krankheit zu leiden. Die Ursache der körperlichen Beschwerden, die von Rücken- und Kopfschmerzen über Erschöpfung und Müdigkeit bis zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall reichen können, ist psychischer Natur. Stress, seelische Anspannung, Leistungsdruck oder traumatische Erlebnisse in der Kindheit wie Vernachlässigung oder Missbrauch sowie aktuelle Probleme im familiären Umfeld können die Krankheitssymptome heraufbeschwören.

Doch viele Betroffene wollen nicht wahrhaben, dass keine organischen Störungen vorliegen. Psychische Ursachen werden häufig wegdiskutiert.

Patienten, die die Diagnose „somatoforme Störung“ annehmen und sich auf eine Psychotherapie einlassen, haben gute Chancen, ihre Schmerzen und ihr Leben in den Griff zu bekommen. Eine rein medikamentöse Therapie ist hingegen wenig hilfreich. Sie sollte lediglich bei speziellen Fällen begleitend zum Einsatz kommen.